pfeil-icon

Verfahren des Sondergerichts

Lesen Sie hier mehr über alle Verfahren des Sondergerichts am Landgericht Bayreuth in den Jahren 1942 bis 1945. Mittels der Suchfunktion können Sie auch nach Namen suchen.

Verbrechen nach § 1 Abs. 1 Kriegswirtschaftsverordnung / Urteil vom 22.11.1944

SG 52/44
1 a SG 291/44
StABa Rep K 106 Nr. 157

Gehring, Karl

Geburtstag01.09.1891 in München
BerufMolkereibetriebsleiter
Familienstandverheiratet
Wohnort Passau, Sedanstraße 62
09.03.1944
Beschreibung der angelasteten Tat

Der Angeklagte war ab dem 01.01.1943 Molkereigehilfe und ab dem 06.02.1943 bis
einschließlich 14.09.1943 verantwortlicher technischer Betriebsleiter des Milchhofs
in Pegnitz.

 

In der Zeit von Januar bis September 1943 soll der Angeklagte der Gefolgschaft des Milchhofs
täglich Frühstücksbutter, täglich mindestens 0,5 kg, zum sofortigen Verzehr ohne Abgabe von
Marken zur Verfügung gestellt haben. Hierdurch sollen insgesamt 100 kg Butter der
allgemeinen Bewirtschaftung entzogen worden sein. Die Bedarfsdeckung der Bevölkerung sei
hierdurch gefährdet worden. Der Angeklagte soll böswillig gehandelt haben, weil er die
Gefolgschaft seines Betriebes gegenüber der Bevölkerung, der die Butter zugestanden habe,
bevorzugt habe.

Der Beschuldigte befand sich nicht in Untersuchungshaft.

Mit Datum 09.03.1944 erhob die Staatsanwaltschaft wegen Verbrechens nach § 1 Abs. 1
KriegswirtschaftsVO Anklage zum Sondergericht Bayreuth.
 

In der Verhandlung des Sondergerichts vom 22.11.1944 in Pegnitz beantragte der Anklagevertreter,
den Angeklagten wegen eines Kriegswirtschaftsverbrechens nach § 1 Abs. 1 KriegswirtschaftsVO
zur Zuchthausstrafe von 1 Jahr 6 Monaten und zu den Kosten zu verurteilen.
 

22.11.1944
Urteil

Der Angeklagte Karl Gehring hat als Angestellter und technischer Betriebsleiter des Milchhofs
in Pegnitz in der Zeit vom Februar 1943 bis September 1943 der Gefolgschaft des Milchhofs
täglich Frühstücksbutter zum sofortigen Verzehrt ohne Abgabe von Marken und zwar täglich
mindestens 0,5 kg abgegeben bezw. abgeben lassen. Er hat daher mindestens 100 kg Butter
der allgemeinen Bewirtschaftung entzogen und dadurch die Bedarfsdeckung der Bevölkerung
[sic] gefährdet.
 

Er wird daher als Kriegswirtschaftsverbrecher zur Gefängnisstrafe von 1 Jahr und zu den Kosten
verurteilt.

 

 


 
Vollstreckung

04.12.1944               Ladung zum Strafantritt im Strafgefängnis Landsberg zum 14.12.1944

11.12.1944                 Gesuch der Molkereigenossenschaft e.G.m.b.H. Passau um
                                 Strafaufschub bis 20.01.1945 zur Vermeidung einer „merklichen
                                 Betriebsstörung“ mangels geeigneten Ersatzes

18.01.1945                Beschluss der Staatsanwaltschaft Bayreuth (AGRat Dr.
                                 Weißenberger):
                                 Bewilligung von Strafaufschub bis 01.02.1945

20.01.1945                Gesuch des Milch-, Fett- und Eierwirtschaftsverbandes Bayreuth um
                                  Strafaufschub für den Verurteilten

26.01.1945                Vorsorglicher Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Bayreuth für den Fall
                                  eines Nichtantritts der Gefängnisstrafe (AGRat Dr. Weißenberger)

30.01.1945                Fernmündliche und schriftliche Ersuchen des Betriebsleiters der
                                  Molkerei-Genossenschaft Passau sowie des Geschäftsführers des
                                  Milch-, Fett- und Eierwirtschaftsverbandes Bayreuth um erneuten
                                  Strafaufschub

02.02.1945                Gnadengesuch auf Straferlass des Verurteilten gegenüber der
                                  Kreisleitung der NSDAP in Passau

12.02.1945                 Beschluss der Staatsanwaltschaft Bayreuth (AGRat Dr.
                                  Weißenberger):
                                  Abweisung des Gesuchs um erneuten Aufschub

15.02.1945                 Abwarten der Strafvollstreckung im Hinblick auf Intervention des
                                   Generalstaatsanwalts in Bamberg (wohl aufgrund erneuten, an diesen
                                   gerichteten Ersuchens des Milch-, Fett- und Eierwirtschaftsverbandes
                                   Bayreuth um Strafaufschub)

26.02.1945                 Ablehnung der Gesuche um Begnadigung und Strafaufschub durch die
                                   Staatsanwaltschaft Bayreuth (Spieß)

26.02.1945                 Gesuch auf Strafaufschub durch die Landesbauernschaft Bayreuth

28.02.1945                 Ablehnung des Gesuchs auf weiteren Strafaufschub (Spieß)

03.03.1945                 Strafantritt im Strafgefängnis Landsberg/Lech. Einsatz bei der Dynamit-
                                    AG auf einer Baustelle in Kaufering

27.04.1945                  Verurteilter wird nach Besetzung von amerikanischen
                                    Besatzungstruppen aus der Strafhaft entlassen

02.05.1947                  Antrag der Staatsanwaltschaft Bayreuth auf
                                    Herabsetzung der verhängten Strafe auf sechs Monate Gefängnis

20.05.1947                  Gnadenantrag des Verurteilten auf Aussetzung einer Reststrafe von
                                    sechs Monaten zur Bewährung über Rechtsanwalt Legart aus
                                    Würzburg

09.10.1947                  Reduzierung der Gefängnisstrafe auf sechs Monate durch Beschluss
                                    der Strafkammer des Landgerichts Bayreuth

04.11.1947                   Strafaussetzung zur Bewährung durch die Strafkammer des
                                    Landgerichts Bayreuth

24.01.1951                   Erlass der Reststrafe durch Beschluss der Strafkammer des
                                    Landgerichts Bayreuth

 

Anmerkung:

Nach Kriegsende fahndete die Staatsanwaltschaft Bayreuth noch bis einschließlich März
1947 nach dem Verurteilten vor dem Hintergrund der noch nicht verbüßten Reststrafe von
310 Tagen Gefängnis und der Frage eines diesbezüglichen Gnadenerweises.

Der Verurteilte arbeitete nach Kriegsende für die amerikanischen Besatzungstruppen in
Kitzingen. Er wurde dort als fleißiger und ehrlicher Arbeiter mit geregelten
wirtschaftlichen Verhältnissen beschrieben.

 

Brehm, Rudolf

02_Kollektionen/Richter/Brehm/Brehm_Passfoto_BArch

Mohr, Karl-Michael

02_Kollektionen/Richter/Mohr/Mohr_Passfoto_BArch

Dr. Weißenberger, Heribert

Staatsanwälte/IMG_5396.jpeg

Dr. Riedel, Hermann

02_Kollektionen/Staatsanwälte/Hermann
Dokumente