Volksgerichtshof in Bayreuth

Bei einem schweren Luftangriff der westlichen Alliierten auf Berlin am 3. Februar 1945 wurde das Gebäude des Volksgerichtshofs in der Berliner Bellevuestraße zerstört und Freisler tödlich verletzt. Hierauf ordnete Hitler zwei Tage später an, den Volksgerichtshof nach Potsdam auszulagern und die für Hoch- und Landesverrat zuständigen Senate nach Bayreuth zu verlegen. (1)

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© Landgericht Bayreuth
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Bundesarchiv B 145 Bild-P054489, Berlin, Ruine des Volksgerichtshofes

In mehreren Veröffentlichungen ist davon die Rede, dass der Volksgerichtshof bereits im Herbst 1944 in Bayreuth verhandelt habe.(2) Belegt ist jedoch bislang nur eine zehntägige Reservierungsnotiz des Sitzungssaals durch den Volksgerichtshof ab dem 10.11.1944.
 

Das Forschungsprojekt „Sondergericht und Volksgerichtshof in Bayreuth“ hat es sich daher (auch) zur Aufgabe gemacht, in den Archiven nach Belegen aller in Bayreuth verhandelter Verfahren des VGH zu forschen. Den starken kriegsbedingten Zerstörungen in Berlin sind allerdings auch viele Akten und Unterlagen zum Opfer gefallen.
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Reservierungsnotiz des Sitzungssaals 100 in Bayreuth (10 Tage ab 10.11.1944) für den VGH (© LG Bayreuth)

Bekannt ist mittlerweile,

  • dass der 6. Senat des VGH im Strafkammersitzungssaal des LG Bayreuth nach einer Verhandlung vom 19. und 20.03.1945 (Az. 6 L 38/45) einen praktischen Arzt wegen Wehrkraftzersetzung zu einer Zuchthausstrafe verurteilte,
  • und dass der 2. Senat des VGH nach einer in Bayreuth stattgefundenen Verhandlung vom 16.03.1945 den katholischen Priester Dr. phil. Leo Madlener verurteilte. 


Nähere Einzelheizen hierzu finden Sie unter „Verfahren des Volksgerichtshofs".

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Bayreuther Justizpalast, Sitzungssaal 100 - heute Sitzungssaal 1.049 (© LG Bayreuth)
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Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München, Dok. MA 193/2, 3667945
 

Bereits am 6. Februar begann der Abtransport der Häftlinge. Das Reichjustizministerium teilte dem Generalstaatsanwalt in Bamberg am selben Tag mit: „Nach Entscheidung des Herrn Ministers sollen die wegen Hoch- und Landesverrats einsitzenden Untersuchungsgefangenen des Volksgerichtshofs von Berlin nach St.-Georgen-Bayreuth verlegt werden, wo der Volksgerichtshof sodann seine Sitzungen abhalten wird. Etwa 220 männliche Gefangene sind heute mit dem Schiff von Berlin abbefördert und sollen sodann von einem noch nicht bestimmten Ort mittels Sondertransport nach St.-Georgen-Bayreuth weiterbefördert werden.“(3)

Der qualvolle Transport  führte ab dem Berliner Westhafen zunächst in Kohlenbunkern von Lastkähnen sechs Tage lang bis Coswig. Während dieser Fahrt wie auch beim anschließenden Transport ab dem 11. Februar in vier überfüllten Güterwagen waren die Häftlinge Fliegerangriffen und unmenschlicher Behandlung durch das begleitende Wachpersonal der Gestapo ausgesetzt. Viele Gefangene starben, einigen gelang die Flucht.

Im Bericht des Vorstandes des Zuchthauses St. Georgen Bayreuth an den Generalstaatsanwalt in Bamberg vom 19. Februar 1945 heißt es: „Vom Strafgefängnis Plötzensee, Strafgefängnis Tegel und der U-Haftanstalt Berlin-Moabit wurden am 17.2.1945 mittels Sondertransportes in das hiesige Zuchthaus bzw. Gerichtsgefängnis insgesamt  221 Gefangene, und zwar a) 193 männliche Gefangene, davon 45 rechtskräftig Verurteilte und 148 Untersuchungsgefangene und b) 28 weibliche U-Gefangene eingeliefert. …Von den eingelieferten männlichen Gefangenen sind bereits am Tage nach der Einlieferung die beiden Zuchthausgefangenen Nr. 1205 und Nr. 1305 verstorben. … Ergänzend teile ich mit, dass der Transport von 15 Beamten begleitet war, während des Transportes 13 männliche und 3 weibliche Gefangene entwichen und mehrere Gefangene verstorben sind.“(4)

Im 3. Reisebericht des I. Staatsanwalts Gündner an den Reichsjustizminister vom 14. Februar hatte es zudem geheißen: „Die bisher für die Sondergerichte Bamberg, Bayreuth und Würzburg zuständige Richtstätte in Frankfurt/Main ist für den Gefangenentransport nicht mehr zu erreichen. Ich rege an, in Bayreuth eine neue Richtstätte zu schaffen …“ Die Absicht, in Bayreuth eine neue Hinrichtungsstätte (sog. Fallschwertmaschine) zu schaffen, konnte wegen der sich überschlagenden Kriegsereignisse nicht mehr umgesetzt werden. Es kam jedoch in Bayreuth zu Erschießungen oder sonstigen Tötungen. (5) 

Die wegen der näherrückenden Front für den 14. April angesetzte Erschießung aller in Bayreuth noch inhaftierten politischen Gefangenen fand nicht mehr statt, da noch am selben Tag amerikanische Truppen die Stadt erreichten. Die Gefangenen des Zuchthauses, darunter der spätere Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, wurden an jenem Vormittag von ihrem geflohenen Mithäftling Karl Ruth befreit.

 

Sollten Sie über Ihr Interesse an dieser Seite hinaus möglicherweise über Informationen zu Tätigkeiten des Volksgerichtshofs in Bayreuth verfügen, wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie sie mit uns teilen würden. Sie erreichen das Landgericht Bayreuth unter

PRESSESTELLE@lg-bt.bayern.de .

(1) vgl. auch Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Beiträge zum Widerstand, Neue Folge Nr. 2, Juli 2020
(2) u.a. Helmut Paulus in 1945: Bayreuth sollte Sitz des Volksgerichtshofes mit Hinrichtungsstätte werden, Historischer Verein für Oberfranken, Sonderdruck aus Archiv für Geschichte von Oberfranken, Bd. 85, S.333
(3) Schreiben vom 6. Februar 1945 – Quelle: Bundesarchiv, R 22/4051
(4) Helmut Paulus a.a.O., S. 335
(5) vgl. auch Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Beiträge zum Widerstand, Neue Folge Nr. 2, Juli 2020