Dr. Frhr. Voith von Voithenberg, Hans

Er wuchs als Einzelkind in München im Stadtteil Lehel, Bürkleinstraße 4, auf und verbrachte dort eine behütete Jugend.
Unter der Regentschaft des letzten bayerischen Königs Ludwig III (Regentschaft 1913-1918) wurde er noch als Page in die im Maximilianeum untergebrachte königliche Pagerie aufgenommen (Die Kurfürstlich, ab 1806 Königlich Bayerische Pagerie, war eine bayerische Bildungsanstalt für junge Adelige, die auch Offiziersnachwuchs ausbildete. Sie bestand von 1514 bis 1918).
Voith von Voithenberg gehörte der evangelisch-lutherischen Konfession und der sog. Bekenntniskirche an.
Am 28.12.1942 schloss er die Ehe mit Gerda Emmy Louise Ernestine Freiin v. Waldenfels, geb. 16.09.1909 in Bayreuth. Aus der Ehe ging die Tochter Erdmute Maria Emmy Voith von Voithenberg, geb. 06.02.1950, hervor.
Hans von Voithenberg wird als ein Mensch mit „vorwiegend geistigen und künstlerischen Interessen, von hoher humanistischer Bildung und feiner Empfindung“ beschrieben. Schon zu Schulzeiten schrieb er Theaterstücke und führte sie gemeinsam mit seinem Cousin und seiner Cousine Rita Pauer auf. Er sang in seiner Jugend Lieder von Schubert und seine Interessen lagen neben der Schriftstellerei besonders in geschichtlicher und historisch-archivarischer Tätigkeit. So sammelte und katalogisierte er bereits als Jugendlicher Daten, Urkunden und anderes Material für die Erstellung der Familiengeschichte der Familie Voith von Voithenberg, deren Stammsitz in Voithenberg und Herzogau lag.
von Voithenberg war während der Zeit seiner Rechtsanwaltstätigkeit wohnhaft in München, Kaufingerstr. 23 / II sowie in der Bürkleinstraße 4 / II.
In Obernburg wohnte er in der dortigen Römerstraße, in Ansbach in der dortigen Crailsheimstr. 10 / I. Während seiner beruflichen Tätigkeit in Coburg wohnte er zunächst in der Alexandrinenstr. 2 / 0, später im Gutav-Freytag-Weg 11a. In der Zeit seiner Zeit der Abordnung an das Sondergericht Bamberg war er wohnhaft in der dortigen Promenadestr. 2/0.
Ab 01.07.1942 wohnte er in Bayreuth und zwar zunächst in der Rupprechtstraße 10 / III, ab 01.09.1942 in der Leopoldstraße 18 / I und ab 01.03.1943 in Grunau über Bayreuth, Hs.Nr. 31.
Er starb am 16.11.1978 in Bayreuth (STR BT 1332/1978).
Ergänzung:
Am 1. Dezember 2009 errichtete seine Tochter Erdmute Voith von Voithenberg, die heute in München lebt und dieses Forschungsprojekt, insbesondere die Erforschung der beruflichen Biografie Ihres Vaters, in besonderer Weise unterstützt, in Bayreuth die Voith von Voithenberg-Stiftung. Die Stiftung fördert die bildende Kunst, Wissenschaft, Forschung, Bildung und Kulturpflege vorwiegend für den Bereich der Stadt Bayreuth. Der Stiftungszweck wird insbesondere verwirklicht durch die kostenlose Zurverfügungstellung von Kunst- und Sammlungsgegenständen an das Kunstmuseum Bayreuth. Eine wesentliche Aufgabe der Stiftung ist weiterhin die Pflege, Erhaltung und Aufarbeitung des Sammlungsbestandes, bzw. des künstlerischen Nachlasses von Gerda und Hans Voith von Voithenberg.
In seiner Kindheit und Jugend besuchte Frhr. Voith von Voithenberg von 1910 bis 1914 die Volksschule in München und wechselte von dort auf das Münchener Wilhelmsgymnasium, wo er 1923 sein Abitur machte.
Von 1923 bis 1927 studierte er Rechtswissenschaften an der Universität München, bestand allerdings die Erste Juristische Staatsprüfung im Jahr 1927 nicht. Er setzte daher sein Studium an der Universität in Erlangen fort und bestand dort am 18.02.1928 die wiederholte Erste Juristische Staatsprüfung.
Im Juli 1928 promovierte er zudem mit "magna cum laude" (Inaugural-Dissertation "Lex Julia Discella", 1928, Universitätsverlag R. Noske, Borna-Leipzig).
Vom 16.03.1928 bis 15.03.1931 war er als Gerichtsreferendar am AG München eingesetzt und am 24.04.1931 bestand er erfolgreich die Große Staatsprüfung (Notensumme 68, Platz 42).
Am 23.09.1931 wurde er zunächst zur Rechtsanwaltschaft beim LG München I zugelassen und am 09.10.1931 antragsgemäß in die Liste der Bewerber um eine Anstellung im höheren Justizstaatsdienst, verbunden mit der Führung der Berufsbezeichnung „Gerichtsassessor“, eingetragen.
Am 10.03.1932 wurde er sodann auch als Gerichtsassessor bei dem AG Obernburg ab 01.04.1932 mit einer jährlichen Grundvergütung von 3400 RM angestellt. Seine beruflichen Stationen waren folgende:
- 01.04.1932 - 30.09.1932 Gerichtsassessor bei dem AG Obernburg
- 01.10.1932 - 31.10.1933 II. Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Ansbach
- 01.11.1933 - 31.08.1943 Amtsgerichtsrat am AG Coburg
- vom 01.12.1941 bis 21.06.1942 an das LG Bamberg
- vom 22.06.1942 bis 31.08.1943 an das LG Bayreuth
Im Zeitraum der Abordnung an das LG Bamberg (01.12.1941 - 21.06.1942)
war Voith von Voithenberg als beisitzender Richter auch an folgenden drei Verfahren des Sondergerichts Bamberg beteiligt, in denen die Todesstrafe verhängt wurde (Anm.: eine vollständige Recherche zu den Verfahren des Sondergerichts Bamberg wurde von uns nicht vorgenommen):
Verfahren gegen Karl Winterling u.a.
geb. 27.12.1895 in Rehau
verh. Fabrikbesitzer
whft. in Rehau, Sedanstr. 5
Dem Angeklagten wurden Kriegswirtschaftsverbrechen zur Last gelegt
Das Urteil des SG Bamberg - in der Gerichtsbesetzung LGDir. Koch als Vorsitzender sowie AGRat von Voithenberg und LGRat Freihalter als Beisitzer - vom 30.01.1942 (bezgl. Winterling) lautete:
Verurteilt werden Winterling Karl .. wegen eines fortgesetzten Verbrechens nach § 1 Abs. 1 der Kriegswirtschaftsverordnung zum Tode.
…
Die bürgerlichen Ehrenrechte werden aberkannt dem Angeklagten Winterling dauernd,…
…
Soweit Verurteilung erfolgt ist, tragen die Angeklagten … die Kosten.
Das Todesurteil wurde am 01.05.1942 im Gefängnis München-Stadelheim vollstreckt.
2. Az.: SG 78/42 (StaBa Rep. K 105 Nr. 1615):
Verfahren gegen Gregor Vollkommer
geb. 12.05.1893 in Unterpreppach
verh. Hilfsarbeiter
whft. Unterpreppach Nr. 12
Das Urteil des SG Bamberg - in der Gerichtsbesetzung LGDir. Koch als Vorsitzender sowie AGRat von Voithenberg und LGRat Freihalter als Beisitzer - vom 30.03.1942 lautete:
-
Vollkommer Gregor … wird als Gewalt- und Sittlichkeitsverbrecher zum Tode verurteilt.
-
Dem Angeklagten werden die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit aberkannt.
-
Der Angeklagte hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.
Das Todesurteil wurde am 30.04.1942 im Gefängnis München-Stadelheim vollstreckt.
3. Az. SG 135/42 (StaBa Rep. K 105 Nr. 1671):
Verfahren gegen Christoph Schwing
geb. 27.06.1900 in Truppach
Bauarbeiter von Mistelbach
whft. Mistelbach Nr. 27
Dem Angeklagten wurden mehrfache Diebstähle zur Last gelegt.
Das Urteil des SG Bamberg - in der Gerichtsbesetzung LGDir. Koch als Vorsitzender sowie AGRat von Voithenberg und LGRat Freihalter als Beisitzer - vom 20.05.1942 lautete:
Schwing Christoph … wird als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher und Volksschädling zum Tode, zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und zu den Kosten verurteilt.
Das Todesurteil, an dem auch StA Karl Krumbholtz als Vertreter der Anklagebehörde beteiligt war, wurde am 18.06.1942 im Gefängnis München-Stadelheim vollstreckt.
Nachdem er vom 22.06.1942 bis 31.08.1943 an das Landgericht Bayreuth (lediglich) abgeordnet war, wurde Dr. Frh. Voith von Voithenberg schließlich am
09.08.1943 als Landgerichtsrat an das LG Bayreuth versetzt. Beweggrund, in Bayreuth richterlich tätig zu sein, war vor allem sein Wunsch, nach seiner Heirat im Jahr 1942 einen gemeinsamen Familienwohnsitz in Bayreuth zu begründen.
Sowohl im Zeitraum seiner Abordnung als auch nach seiner Versetzung war er (auch) für das Sondergericht Bayreuth tätig. Im gesamten Zeitraum seiner Tätigkeit für das Sondergericht Bayreuth war er an mehr als 110 Verfahren, darunter an 7 Todesurteilen beteiligt (das im Verfahren SG 10/43 verhängte Todesurteil wurde vom Reichsjustizministerium in eine Zuchthausstrafe umgewandelt; das im Verfahren SG 15/43 verhängte Todesurteil konnte nicht mehr vollstreckt werden, nachdem sich der Verurteilte einen Tag vor seiner geplanten Hinrichtung suizidiert hatte, indem er sich mittels eines Handtuchs am Heizkörper erhängte).
Am 08.09.1944 wurde von Voithenberg zum Wehrdienst einberufen (an seiner Stelle wurde der Oberrichter Karl Mohr mit Verfügung des Bamberger OLG-Präsidenten vom 22.09.1944 mit sofortiger Wirkung zum Hilfsrichter bei dem Landgericht Bayreuth, zum stellvertretenden Vorsitzenden und Beisitzer des Sondergerichts, außerdem zum Hilfsrichter bei dem Amtsgericht Bayreuth bestellt).
Den Militärdienst leistete von Voithenberg zunächst bei einer Heimatflak-Batterie in Bayreuth, später in Italien, bis zur Kapitulation Deutschland und dem endgültigen Kriegsende in Europa am 08.05.1945.
- NSDAP seit 01.05.1935 (von 1940 bis 1941 auch komm. Blockleiter)
- NSV seit 01.12.1934
- HJ seit 24.02.1941 (dort komm. Rechtsreferent des Bannes 330 in Coburg und des Bannes 305 in Bamberg; Kriegs- und Rechtsstellenleiter sowie Untersuchungsführer des Bannes 307 in Bayreuth)
- NSRB seit 14.10.1933
- RDB seit 1938
- RLB seit 01.04.1934
- RKB seit 01.10.1936
- NS-Altherrenbund seit 1938
Dr. Frh. Voith von Voithenberg geriet am Ende des Krieges als Gefreiter in Kriegsgefangenschaft, in der er sich - in Lagern in Italien, Belgien, Frankreich, Ingolstadt und Stephanskirchen - vom 08.05.1945 bis zum 28.02.1946 befand. Von Mai 1945 bis einschließlich 09.11.1948 war er nicht im öffentlichen Dienst.
Im Spruchkammerverfahren wandte Dr. Frh. Voith von Voithenberg zum Nachweis seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus vor allem seinen gelebten christlichen Glauben und seine enge persönliche Verbindung mit der Familie von Leonrod ein (vgl. Dokumente). Ludwig Freiherr von Leonrod war ein deutscher Offizier und Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, der nach einem Todesurteil des Volksgerichtshofs am 26. August 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden war.
Die Spruchkammer berücksichtigte auch, dass die als Lehrerin tätige Ehefrau des Richters keiner NS-Organisation angehörte, aus dem NS-Lehrerbund ausgetreten und als "Entlastete" eingestuft worden war. Schließlich fand auch die Argumentation von Voithenbergs Berücksichtigung, in der NS-Zeit keine Karriereabsicht gehabt zu haben.
Am 10.05.1948 erging der Sühnebescheid der Spruchkammer I Bayreuth-Stadt (Az. 124/47):
- Belastung: NSDAP v. 1935 - 1945 (komm. Blockleiter)
- NSV v. 1934 – 1945 (Blockwalter)
Es wird gegen Sie eine Geldsühne von RM 200,-- (i.W. Zweihundert RM) festgesetzt.
Dr. Frh. Voith von Voithenberg wurde daraufhin wieder in der bayerischen Justiz eingestellt. Am 10.11.1948 ernannte ihn der Bayer. Staatsminister der Justiz unter Wiederberufung in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit zum Landgerichtsrat am LG Bayreuth. In dieser Funktion war er von 16.11.1948 bis 30.11.1955 tätig.
Mit Wirkung vom 01.12.1955 wurde er zum Landgerichtsdirektor am LG Bayreuth befördert.
In den 1950er und 1960er Jahren wurde auch immer wieder die Eignung von Voithenbergs und seine frühere Tätigkeit an den Sondergerichten Bamberg und Bayreuth, insbesondere seine Beteiligung an den 10 Todesurteilen (3 in Bamberg und 7 in Bayreuth) überprüft (vgl. Dokumente).
Die Überprüfungen hatten allerdings keinen Einfluss auf den weiteren beruflichen Lebensweg des Richters. Vielmehr wurde er mit Wirkung vom 15.10.1957 zum Verwaltungsgerichtsdirektor am Verwaltungsgericht Bayreuth ernannt.
Am 10.07.1958 wurde er zum 3. stellvertretenden Vorsitzenden der Bayerischen Dienststrafkammer Bayreuth für die Zeit vom 01.08.1958 bis 31.07.1962 ernannt.
Am 28.03.1962 wurde er - mit Rückwirkung vom 01.01.1962 - zum ständigen Vertreter des Präsidenten des Bayer. Verwaltungsgerichts Bayreuth ernannt.
Am 25.04.1966 wurde er auf eigenen Antrag mit dem Ende des Monats August 1966 in den Ruhestand versetzt.
Dr. Hans Karl Frhr. Voith von Voithenberg starb am 16.11.1978 in Bayreuth.
- Private Unterlagen der Tochter Erdmute Maria Emmy Voith von Voithenberg
- https://www.von-voithenberg-stiftung.de/
- BayHStA M Inn 85279 (Personalakte)
- BayHStA MJu 26327
- StaBa Rep. K 106
- StaBa Rep. K 105
- StABa Spruchkammer Bayreuth Stadt I V 12 (abgegeben an StAM, dort SpkA-K 1876)
- StAM SpkA-K 1876
- Markus Materna „Richter der eigenen Sache“, Nomos-Verlag, 1. Aufl. (2021), S. 140, 540
- Braunbuch, Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin, Staatsverlag der DDR, 3. Aufl. 1968 https://www.yumpu.com/de/document/read/21342820/braunbuch-volksbetrugnet (dort S. 251)
